Osnabrück 2015 „Geographien der Migration“

Wenn menschliche Wanderungsbewegungen in Karten dargestellt werden, dann zumeist als Pfeile, die mehr oder weniger geradlinig von A nach B verlaufen. Diese Darstellung entspricht dem Bild von Migration, das auch die Forschung lange Zeit (mit) prägte: das einer einmaligen Bewegung von einem Ort zu einem anderen, von einer behälterförmig gedachten Region in eine andere. An Stelle eines solch essentialistischen Blicks auf Räume und Identitäten verfolgte die Humangeographische Sommerschule „Geographien der Migration“ den Anspruch, konstruktivistische Sichtweisen auf das Wechselverhältnis von Raumkonstruktionen und gesellschaftlichen Prozessen aufzuzeigen und entlang aktueller Themen und Fragestellungen zu explizieren: Was kann oder sollte Geographische Migrationsforschung in welchen Themenfeldern leisten? Welche Rolle kommt ihr im interdisziplinären Kontext zu? Außerdem diskutierten die etwa einhundert Teilnehmer_innen und Dozent_innen die Bedeutung der Positionalität von Forschung, das erkenntnistheoretische Potential von Selbstreflexivität sowie forschungsethische Fragen zum Verhältnis von Migrationsforschung, Politik und Praxis.

Die diesjährige (Früh-)Sommerschule, die vom 7. bis zum 10. April 2015 an der Universität Osnabrück stattfand, bot ebenso wie ihre Vorgängerinnen Gelegenheit für fortgeschrittene Studierende und Promovierende, sich mit Theorien, Perspektiven und Themen auseinanderzusetzen, für die im Universitätsalltag oft zu wenig Zeit bleibt. Zugleich wurde der intensive und persönliche Austausch zwischen verschiedenen Disziplinen und Universitäten ermöglicht. Realisiert wurde die Sommerschule in Kooperation des Osnabrücker Instituts für Geographie, des AK Geographische Migrationsforschung und des ebenfalls in Osnabrück ansässigen Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS). Finanziell unterstütz wurde sie von der Universitätsgesellschaft Osnabrück.

14 größtenteils ganztägige Workshops, in denen kleine Gruppen verschiedene Themen und innovative Ansätze erarbeiteten, wurden durch Veranstaltungen eingerahmt, die die Grenzen von Forschung, politischer Praxis und künstlerischem Schaffen hinterfragten: Neben dem Eröffnungsvortrag von Professor Andreas Pott zur Genese und Epistemologie der Geographischen Migrationsforschung sowie einer Podiumsdiskussionen zu Möglichkeiten und Limitationen der oft geforderten „De-Essentialisierung von Raum und Migration“ stellte Filmemacher und Forscher Charles Heller den Film „Liquid Traces“ als politische Diskursintervention und neue Form der Wissensproduktion vor. Wie sich Repräsentationskritik und Kartographie vereinen lassen, demonstrierte der langjährige Kartograph der Le Monde Diplomatique, Philippe Rekacewicz, in seinem Keynote-Vortrag mit dem Titel „The (almost) impossible cartography of migration“.

Die Schwerpunkte der Sommerschule beschreiben vier thematische Felder: Migration und Stadt, Flucht und Asyl vor Ort, das europäische Grenzregime, Migration und Wissensproduktion:

Obwohl es ohne Migration keine Städte gäbe und Migrant_innen integraler Bestandteil der Stadt(-gesellschaft) sind, werden Migration und Migrant_innen in der Stadtforschung noch zu oft als isolierte Gegenstände betrachtet, als seien sie etwas der Stadt Äußerliches. Dagegen wurde in verschiedenen Workshops der Sommerschule das Wechselverhältnis von Stadt und Migration bzw. die Produktion von Migration in der und durch die Stadt untersucht – etwa anhand von aktuell verfolgten kommunalen Diversitätspolitiken oder von Debatten um die Unterbringung von „Flüchtlingen“.

Fragt man nach der Produktion der Figur des „Flüchtlings“ und blickt man auf die Praktiken des Asyls vor Ort, wird schnell deutlich, dass die Identität „Flüchtling“ nicht nur durch internationale Abkommen sowie durch Behörden und Verfahren auf der nationalen Ebene bestimmt, sondern stets auch durch eine Vielzahl von Akteuren „vor Ort“ und mit Bezug auf unterschiedliche Maßstabsebenen ausgehandelt wird. Daher thematisierten einige Workshops nicht nur spezifische lokale Eigenlogiken und Materialisierungen von Aushandlungsprozessen um Flucht und Asyl, sondern erörterten auch ihre Einbettung in ein europäisches Grenz- und Mobilitätsregime. Während das Film-Projekt von Charles Heller verdeutlichte, dass die Konzeption der EU-Grenze in Form einer Linie nicht länger haltbar ist und ein Workshop zum Racial Profiling nach den (gewaltsamen) Praktiken ihrer Vervielfältigung fragte, widmete sich eine weitere Gruppe methodischen Aspekten der Grenzregimeanalyse. Mit diesen unterschiedlichen Herangehensweisen konnte der undemokratische Charakter der Regierung der europäischen Außengrenzen herausgearbeitet werden. An der Aushandlung von Grenzen sind nicht nur staatliche, sondern vielmehr multiple Akteure, einschließlich der Migrant_innen und der Migrationsforscher_innen beteiligt. Die erforderliche Selbstreflexivität im Forschungsprozess verweist auf die Bedeutung der Wissensproduktion im Feld der Migration im Allgemeinen: Unzählige Akteure schaffen beständig neue Wissensformationen über das, was wir als Migration beschreiben, über die, die wir als Migrant_innen verstehen, und über die unterschiedlichen Folgen von Migrationsprozessen. Wie in verschiedenen Workshops zur Bedeutung von statistischen Zahlenwerken und von Karten oder zur Theoretisierung von Migration gezeigt werden konnte, ist das migrationsbezogene Wissen nicht davor gefeit, immanenter Bestandteil von Migrationspolitiken zu werden.

Was bleibt jenseits dieser spannenden Einsichten und der engagierten Diskussionen von der diesjährigen (Früh-)Sommerschule? Besonders erfreulich ist das große Interesse zahlreicher Teilnehmer_innen an neuen Vernetzungen und Projekten, die über die Sommerschule hinausgehen: So arbeitet eine Gruppe weiter zu Formen der Aktionsforschung, eine andere zu Kritischen Kartographien des Grenzregimes und eine dritte plant, einen Teil der Diskussionen in Form einer Tagung zu(m) „(Ent-)Grenzen der Geographischen Migrationsforschung“ fortzuführen. Nicht zuletzt die Entwicklungen der letzten Wochen und Monate – erinnert sei an die erneuten Schiffskatastrophen im Mittelmeer, die unsäglichen Überlegungen zu europäischen Militäreinsätzen vor der lybischen Küste, die weitere Asylrechtsverschärfung oder die grauenhaften Anschläge auf Aufnahmeeinrichtungen für Asylsuchende – belegen eindringlich die Notwendigkeit, dass sich auch die Geographische Migrationsforschung kritisch zu Wort meldet, entschieden Position bezieht und dabei die eigene reflektiert!

Sophie Hinger, Matthias Land, Andreas Pott (Bericht aus dem Rundbrief Geographie)

Der Vortrag von Philippe Rekacewicz ist hier als Video verfügbar.

Programm der Sommerschule „Geographien der Migration“

Dozent_innen